Konfuzius und der frühe Konfuzianismus
Konfuzius – Eckstein und grundlegende Figur der altchinesischen Philosophie
Aus den vorherigen Vorlesungen wissen wir bereits, dass die alten Chinesen über die richtige Staatsführung während der Krisenzeit der „Kriegsstaaten“ nachdachten, in der sie lebten. Es ging darum, wie man das Himmelsreich aus der „Unordnung“ retten und wieder in „Ordnung“ bringen konnte. Ihre Lehren zu diesem Thema nannten sie Dao – „Wege“. Der erste „Weg“ zur „Rettung“ des Himmelsreichs, der in der altchinesischen Philosophie vorgeschlagen wurde, war der konfuzianische.
Und das ist tatsächlich so, denn bei Konfuzius finden wir alle Probleme und nahezu alle zentralen Begriffe, die später mehr oder weniger alle anderen Schulen – nicht nur die konfuzianischen – diskutieren werden. Versucht man, die Essenz der historischen Entwicklung der altchinesischen Philosophie in einem Satz zusammenzufassen, könnte man scherzhaft sagen, dass die gesamte altchinesische Philosophie eine Abfolge von Vereinfachungen aus Enttäuschungen über Unverständnis ist. In dieser Reihe bildet Konfuzius den Ausgangspunkt. Und natürlich ist Konfuzius wichtig, weil durch ihn das Wort ru die Bedeutung „Konfuzianer“ erhielt. Interessanterweise wurde dieses Wort zur Zeit Konfuzius’ bereits verwendet, bedeutete aber schlicht „Gelehrter, Buchkundige, Beamter“. Erst nach Konfuzius war der Begriff fest an den „gelehrten Konfuzianer“ gebunden.
Konfuzius (latinisierte Form von Kong-fu-zi, „Lehrer Kong“) oder Kong-zi, lebte von 552/551 bis 479 v. Chr. Der Name des Philosophen war Qiu, sein Beiname Zhongni („Mittlerer Bruder aus Lehm“). Über sein Leben erfahren wir aus den Lunyu, Mengzi, Xunzi, Kong-zi Shijia, Zhulin Leizhuan von Sima Qian und weiteren biografischen Quellen. Er wurde im kleinen Staat Lu geboren, wo die starke Zhou-Tradition bewahrt wurde, in einer adeligen, aber verarmten Familie, deren Abstammung auf die Shang-Yin-Dynastie zurückgeht. Sein Vater Shuliang He war 46 Jahre älter als seine Mutter Zheng Zai aus dem Haus Yan. Aus diesem Grund oder wegen der Missachtung anderer ritueller Formalitäten wurde ihre Ehe später als e he („wilde Verbindung“) bezeichnet, also als illegitimes Zusammenleben. Konfuzius verlor seinen Vater im Alter von drei Jahren, seine Mutter mit sechzehn. Seine Jugend verbrachte er mit der Verwaltung von Lagern und der Beaufsichtigung von Herden in der Hauptstadt von Lu. Mit 27 Jahren wurde er Assistent bei Opferzeremonien im Hauptheiligtum des Staates Lu. Mit 50 Jahren erreichte er den Posten des xiang („Erster Berater“) und da-sikou („Justizminister“) in Lu (496 v. Chr.). Mit diesem Amt ist der skandalträchtige „Fall Shaozheng Mao“ verbunden: Konfuzius ließ in der ersten Woche seiner Amtszeit einen Adligen hinrichten, weil dieser das Prinzip der „Treue zum Herrscher“ verletzte. Später jedoch, als Konfuzius dem Herrscher unbequem wurde, zwang man ihn – der Herrscher missachtete dabei öffentlich einen der rituellen Ehrenpflichten gegenüber Beamten – zum Rücktritt und zur Abreise aus dem Staat Lu.
Viele Jahre reiste Konfuzius durch verschiedene Staaten und besuchte die Höfe der Herrscher des späten Zhou-Chinas: Lin-gong von Wei (534–493 v. Chr.), Jing-gong von Qi (547–490 v. Chr.), Ding-gong von Lu (509–495 v. Chr.) und Ai-gong (494–468 v. Chr.). Doch nirgends erhielt er ein offizielles Amt. Gegen Ende seines Lebens erkannte er die Unerreichbarkeit seiner politischen Träume und zog sich aus der Politik zurück. Er kehrte in seinen Heimatstaat Lu zurück, eröffnete dort eine eigene Schule – er wurde der erste private Lehrer in China – und widmete sich der Redaktion alter Chroniken und ritueller Texte. Hier, in seinem Heimatstaat, starb er.
Es ist bemerkenswert, dass die Biografien vieler großer Philosophen – insbesondere konfuzianischer – später in groben Zügen der von Konfuzius folgen werden. Man kann sagen, dass nicht nur die Lehre Konfuzius’ später zum Kanon der chinesischen Geisteskultur wurde, sondern sein Leben auch schnell als eine Art „Vorbild“ für die Biografien nahezu aller großen Persönlichkeiten der Antike galt.
Über Konfuzius wissen wir hauptsächlich aus den Lunyu („Gespräche und Aussprüche“, englische Standardübersetzung: „Analects“), dem wichtigsten ihm zugeordneten Werk, sowie aus verschiedenen historischen Anekdoten und Aussprüchen, die ihm zugeschrieben werden und die fast in allen alten Quellen verstreut sind. Die Lunyu wurden vermutlich bis Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. von den Schülern seiner Schüler zusammengestellt. Während der Qin-Dynastie wurden sie verbrannt, doch während der Han-Dynastie wiederentdeckt. Bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. gab es drei Hauptversionen: die Qi-Version (20 Kapitel), die Lu-Version (22 Kapitel) und die Alte Lu-Version (21 Kapitel), angeblich im Haus von Kong An’gu gefunden. Welche Version schließlich kanonisiert wurde, ist unbekannt; bekannt ist nur, dass die spätere kanonisierte Fassung auf Zhang Yu zurückgeht, der sie im 1. Jahrhundert n. Chr. standardisierte. Später wurden die Lunyu in die konfuzianischen Kanonsammlungen aufgenommen – zunächst in die Shisan Jing („Dreizehn Klassiker“), später in das Sishu („Vier Bücher“) im 11.–12. Jahrhundert. Hauptkommentator wurde seitdem Zhu Xi (1130–1200 n. Chr.). Inhaltlich sind die Lunyu eine Sammlung von Aussprüchen, Kurzgeschichten, Dialogen Konfuzius’ mit seinen Schülern, Herrschern und anderen Personen, denen er im Leben begegnete. Die Kürze und Prägnanz vieler Abschnitte sowie die scheinbare „Alltäglichkeit“ einiger Themen lassen die Lunyu mit einem modernen Genre wie einem „Live-Tagebuch“ oder „Twitter“ vergleichen. Scherzhaft könnte man sagen, dass die Lunyu das altchinesische „Live-Tagebuch“ Konfuzius’ sind.
Nun, da wir ein Bild von Leben und Werk des Philosophen haben, wenden wir uns direkt seiner Lehre zu.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 04/10/2025