Die zweite Phase des Daoismus: Laozi
Politische Theorie
Aus diesen Theorien entwickelt Laozi auch seine politische Doktrin. Die Daoisten stimmen mit den Konfuzianern darin überein, dass ein Staat nur dann vollkommen sein kann, wenn an seiner Spitze ein vollendeter Weiser steht. Nur der vollkommen Weise kann und soll herrschen. Der Unterschied zwischen beiden Schulen besteht jedoch darin: Nach konfuzianischer Auffassung muss der vollkommen Weise, sobald er Herrscher geworden ist, sehr viel für das Volk tun. Die Daoisten hingegen behaupteten, die Aufgabe des vollkommen Weisen bestehe nicht darin, etwas zu tun, sondern vielmehr darin, das Gemachte zu beseitigen oder überhaupt nichts zu tun.
Die Ursache dafür liegt nach Laozi darin, dass die Übel der Welt nicht daher rühren, dass zu wenig getan wird, sondern im Gegenteil daher, dass zu viel getan wurde. Im Daodejing heißt es: „Je mehr Verbote und Einschränkungen es im Reich gibt, desto ärmer ist das Volk. Je mehr die Menschen scharfe Waffen besitzen, desto größer die Unruhe im Staat. Je geschickter die Handwerker, desto mehr schädliche Erfindungen entstehen. Je mehr Gesetze erlassen werden, desto mehr Räuber und Diebe gibt es“. Der erste Akt eines vollkommenen Weisen als Herrscher müsse daher die Abschaffung all dessen sein.
Laozi sagt: „Vertreibe Weisheit, verbanne Wissen, und das Volk wird hundertfachen Nutzen haben. Vertreibe Menschlichkeit, verbanne Gerechtigkeit, und das Volk wird gehorsam und mitfühlend sein. Vertreibe Geschicklichkeit, verbanne Gewinnsucht, und die Räuber und Diebe werden verschwinden“. Und weiter: „Erhebe die Tüchtigen nicht, und die Menschen werden nicht streitsüchtig sein. Schätze die schwer zu erlangenden Schätze nicht, und es wird keine Diebe mehr geben. Wenn die Menschen die Dinge nicht sehen, die Begierden wecken, werden ihre Herzen ruhig bleiben. Darum regiert der vollkommen Weise das Volk, indem er ihre Herzen leer macht, ihre Bäuche füllt, ihren Willen schwächt und ihre Knochen stärkt, indem er sie beständig von Wissen und Wünschen fernhält“.
Der vollkommen Weise beseitigt also die Ursachen allen Unheils in der Welt. Danach herrscht er durch Wu wei – durch Nicht-Handeln. Im Zustand des Nicht-Handelns tut er selbst nichts, und dennoch sind alle Dinge vollbracht. Im Daodejing heißt es: „Ich handle nicht, und das Volk verändert sich von selbst. Ich liebe die Ruhe, und das Volk richtet sich von selbst. Ich sorge mich um nichts, und das Volk gedeiht von selbst. Ich habe keine Wünsche, und das Volk wird von selbst schlicht“.
„Handle nicht, und es bleibt nichts, was nicht getan würde.“ Dies ist eine weitere jener daoistischen Ideen, die auf den ersten Blick paradox erscheinen. Im Daodejing heißt es: „Das Dao handelt nicht, und doch bleibt nichts ungetan“. Das Dao bringt alle Dinge hervor. Es ist selbst kein Ding und kann daher nicht wie ein Ding handeln. Und doch entstehen alle Dinge. So gilt: Das Dao tut nichts, und dennoch bleibt nichts unvollbracht. Es lässt jedes Ding das tun, was seiner Natur entspricht. Nach den Daoisten soll auch der Herrscher sein Vorbild im Dao sehen: Er soll ebenfalls nichts tun und den Menschen erlauben, das zu tun, was sie selbst tun können. Hier zeigt sich ein weiteres Verständnis von Wu wei, das später mit gewissen Veränderungen eine der wichtigsten Theorien der Legisten (Fa jia) werden sollte.
Kinder haben wenig Wissen und wenige Wünsche. Sie sind dem natürlichen De noch nah. Jeder Mensch soll nach Möglichkeit diese Einfachheit und Unschuld bewahren. Laozi sagt: „Sich nicht von der unveränderlichen De zu entfernen, heißt, in den Zustand des Kindes zurückzukehren“. „Wer das De in seiner ganzen Fülle umschließt, ist einem Kind vergleichbar“. Da das Leben des Kindes dem idealen Leben am nächsten ist, wünscht der vollkommen Weise, dass das Volk den kleinen Kindern gleiche. Laozi sagt: „Der vollkommen Weise behandelt alle Menschen wie Kinder“. Er „erleuchtet sie nicht, sondern belässt sie in Einfalt“.
„Einfalt“ ist hier die Übersetzung des Schriftzeichens tui, das Torheit im Sinne von Einfachheit und Unschuld bedeutet. Der vollkommen Weise wünscht nicht nur, dass die Menschen „einfach“ seien, sondern er selbst strebt danach, so zu sein. Laozi sagt: „Ich bin das Herz des Allerunwissendsten“. Im Daoismus ist „Torheit“ keine Sünde, sondern eine große Tugend.
Doch ist die „Torheit“ des vollkommen Weisen dasselbe wie die „Torheit“ des Kindes oder des einfachen Volkes? Natürlich nicht. Die „Torheit“ des vollkommen Weisen ist das Ergebnis eines bewussten Prozesses der Selbstvervollkommnung. Sie ist höher als Wissen, mehr, nicht weniger. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Die große Weisheit gleicht der Torheit.“ Die „Torheit“ des vollkommen Weisen ist große Weisheit – nicht die „Torheit“ des Kindes oder des einfachen Volkes. Letztere ist ein Geschenk der Natur, erstere eine Errungenschaft des Geistes. Die Daoisten haben diese beiden jedoch oft verwechselt, wie wir in der Philosophie von Zhuangzi sehen werden.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 05/10/2025