Wesen und Existenz - Mittelalterliche Philosophie: Theozentrismus - Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen
Einführung in die Philosophie - 2024 Inhalt

Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen

Mittelalterliche Philosophie: Theozentrismus

Wesen und Existenz

In der mittelalterlichen Philosophie wird eine Unterscheidung zwischen dem Sein, oder der Existenz, und dem Wesen getroffen. Alle mittelalterlichen Philosophen führen die Erkenntnis eines jeden Dinges auf die Beantwortung von vier Fragen zurück: 1) Existiert das Ding? 2) Was ist es? 3) Wie ist es? 4) Warum oder wozu existiert es? Die erste Frage zielt darauf ab, die Existenz festzustellen, während die folgenden das Wesen des Dinges betreffen. Bei Aristoteles, der die Kategorie des Wesens umfassend untersuchte, wurde eine so klare Differenzierung zwischen Wesen und Existenz noch nicht vorgenommen, wenngleich Ansätze dazu erkennbar sind. Eine deutliche Trennung dieser Begriffe führt der römische Philosoph Boethius (ca. 480—524) ein, dessen logische Untersuchungen das mittelalterliche Scholastikdenken entscheidend prägten (der Begriff “Scholastik“ leitet sich vom griechischen scholē ab und bedeutet “Schulphilosophie“).

Nach Boethius sind Sein (Existenz) und Wesen keineswegs identisch. Nur in Gott, der als einfache Substanz gedacht wird, fallen Sein und Wesen zusammen. Bei den geschaffenen Dingen hingegen besteht diese Identität nicht, da sie keine einfachen, sondern zusammengesetzte Wesenheiten sind. Dies zeigt sich vor allem darin, dass ihr Sein und ihr Wesen voneinander verschieden sind. Damit ein Wesen Existenz erhält, muss es Anteil am Sein gewinnen — oder einfacher ausgedrückt: Es muss durch den Willensakt Gottes erschaffen werden.

Das Wesen eines Dinges drückt sich in seiner Definition aus, in dem Begriff, den wir durch den Verstand erfassen. Die Existenz eines Dinges hingegen erkennen wir durch die Erfahrung, das heißt durch den direkten Kontakt mit ihm, da die Existenz nicht aus dem Verstand hervorgeht, sondern aus dem Akt des allmächtigen göttlichen Willens. Deshalb gehört die Existenz nicht zum Wesen eines Dinges. So wird der Begriff der Existenz, als etwas, das nicht zum inneren Wesen eines Dinges gehört, eingeführt, um den Schöpfungsdogma philosophisch zu begreifen.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025