Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen
Mittelalterliche Philosophie: Theozentrismus
Die Polemik zwischen Realismus und Nominalismus
Ein prägender Wesenszug der mittelalterlichen Philosophie war der jahrhundertelange Streit zwischen Realismus und Nominalismus. Der mittelalterliche Realismus ist dabei grundverschieden vom modernen Verständnis dieses Begriffs. Er bezeichnet die Lehre, dass wahre Realität allein den allgemeinen Begriffen oder Universalien zukommt, nicht jedoch den einzelnen Dingen der empirischen Welt. In der scholastischen Terminologie wurde dies durch die Formel universalia sunt realia ausgedrückt. Dieser Realismus steht dem Platonismus nahe, da auch dort den unwandelbaren und ewigen Ideen echtes Sein zugeschrieben wird, nicht aber den vergänglichen sinnlichen Dingen. Für die mittelalterlichen Realisten existieren die Universalien vor den Dingen (ante rem), da sie als Gedanken oder Ideen im göttlichen Geist vorhanden sind. Nur durch diese göttlichen Ideen wird dem menschlichen Verstand die Erkenntnis des Wesens der Dinge ermöglicht, denn das Wesen selbst ist nichts anderes als der allgemeine Begriff. Somit ist für die Realisten, wie etwa Anselm von Canterbury (1033—1109), Erkenntnis nur durch den Verstand möglich, da allein dieser in der Lage ist, das Allgemeine zu erfassen.
Dem gegenüber stand der Nominalismus, der den Vorrang des Willens über den Verstand betonte. Der Begriff “Nominalismus“ leitet sich vom lateinischen nomen ab, was “Name“ bedeutet. Die Nominalisten vertraten die Auffassung, dass allgemeine Begriffe lediglich Namen seien und kein eigenständiges Sein außerhalb der einzelnen Dinge besäßen. Sie entstünden durch Abstraktion: Der Verstand bilde sie, indem er gemeinsame Merkmale vieler einzelner Dinge und Phänomene abstrahiere. So entstehe etwa der Begriff “Mensch“, indem man die individuellen Unterschiede einzelner Menschen ausblendet und nur das Gemeinsame beibehält. Da alle Menschen lebendige, vernunftbegabte Wesen sind, werde das Wesen des Menschen durch diese Merkmale bestimmt: Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Lebewesen. Universalien existieren demnach gemäß der Lehre der Nominalisten nicht vor den Dingen, sondern erst nach ihnen (post rem). Radikale Nominalisten wie der französische Philosoph und Theologe Johannes Roscelin (um 1050—1120) gingen sogar so weit zu behaupten, dass allgemeine Begriffe nichts weiter als Laute der menschlichen Stimme seien. Wirklich existiere allein das Einzelne, während das Allgemeine eine Illusion sei, die nicht einmal im menschlichen Geist eigenständig existiere.
Die Auseinandersetzung zwischen Nominalismus und Realismus entzündete sich an der Frage nach dem Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem, wie sie bereits Aristoteles gestellt hatte. Dieser hatte zwischen primären und sekundären Substanzen unterschieden, ohne jedoch den ontologischen Status dieser Kategorien eindeutig klären zu können.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025