Locke – Aufklärung und Gleichheit
Epistemologie und Erkenntniskritik
Leben. John Locke (1632—1704) wurde in eine puritanische Juristenfamilie geboren, die dem Parlament nahestand. Schon früh zeigte sich seine kritische Haltung gegenüber der scholastischen Philosophie sowie ein ausgeprägtes Interesse an den Naturwissenschaften, insbesondere an Medizin und Chemie. Sein Ziel war eine intellektuelle “Reinigung“, also eine kritische Überprüfung des menschlichen Erkenntnisvermögens. Die endlosen Debatten über moralische und religiöse Fragen führten ihn zu der Überlegung, ob viele der dabei verwendeten Begriffe nicht hoffnungslos unklar und inadäquat seien. Locke war der Meinung, Philosophen sollten wie Naturwissenschaftler Schritt für Schritt durch Erfahrung voranschreiten. Bevor man sich den “großen“ Fragen widme, müsse man die Mittel untersuchen — unsere Begriffe. Daher beginnt Locke mit einer Kritik der Erkenntnis und einer Analyse der Sprache. Dieses Interesse an den “Mitteln“ hinderte ihn jedoch nicht daran, sich auch mit konkreten Problemen zu beschäftigen. Locke gilt als ein Klassiker der Pädagogik und der politischen Theorie.
Werke. Lockes Zwei Abhandlungen über die Regierung (1690) werden als Bibel des Liberalismus bezeichnet. Der erste Teil kritisiert Sir Robert Filmer, einen Ideologen des Absolutismus. Im zweiten Teil entwickelt Locke seine eigenen Ideen über den Staat und das Naturrecht. Dieses Werk wurde oft als Rechtfertigung der konstitutionellen Monarchie Wilhelm von Oraniens interpretiert, übte jedoch auch in Frankreich und Amerika eine revolutionäre Wirkung aus. Weitere bedeutende Werke sind Ein Versuch über die Toleranz, Gedanken über Erziehung, Die Vernünftigkeit des Christentums und das epistemologische Hauptwerk Versuch über den menschlichen Verstand (1689).
Epistemologie und Erkenntniskritik
Lockes Philosophie steht an der Schnittstelle verschiedener intellektueller Strömungen. Ihre Wurzeln reichen zu den Vertretern des Naturrechts sowie zu den Nominalisten (etwa Wilhelm von Ockham). Auch der Rationalist Descartes beeinflusste Locke, wenngleich Locke dem kartesianischen Rationalismus empiristische Argumente entgegensetzte. Als Vorläufer der Aufklärung und zugleich Begründer des britischen Empirismus verband er Gedanken beider Traditionen und setzte sich kritisch mit den Schwächen der Aufklärung auseinander, wie später etwa Hume mit dem Begriff der Vernunft.
Rationalisten gingen davon aus, dass klare Begriffe uns Zugang zur Realität verschaffen. Sie vertrauten darauf, dass präzises Denken zu sicherem Wissen führt. Zwar betonte Descartes den Zweifel, doch lediglich als Mittel, um Erkenntnis auf den rechten Weg zu lenken. Allerdings gerieten Rationalisten in Konflikte darüber, was als “klar und deutlich“, also als wahr zu gelten habe. Diese Konflikte boten fruchtbaren Boden für Argumente gegen den Rationalismus. Ein zentraler Einwand, von Locke bis Kant, war, dass die Klarheit eines Begriffs nicht notwendigerweise dessen Realitätsgehalt impliziere. Ein klares Konzept einer perfekten Katze, die lesen und schreiben kann, bedeutet nicht, dass eine solche Katze existiert. Ebenso wenig folgt aus der Idee eines vollkommenen Wesens, dass dieses tatsächlich existiert.
Locke betrachtete den Zweifel nicht nur als einmalige Methode, sondern als eine permanente Haltung. Erkenntnis ist für ihn kein endgültiges, sondern ein fortlaufendes Ergebnis. Deshalb sah er die Aufgabe der Philosophie in der kritischen Verbesserung bestehenden Wissens, ähnlich wie in den Naturwissenschaften. Im Gegensatz zu Rationalisten wie Descartes, Spinoza und Leibniz orientierte sich Locke stärker an den aufkommenden empirischen Wissenschaften. Besonders die Medizin, mit ihrer Betonung von Beobachtung und Klassifikation, prägte seine erkenntnistheoretischen Ideale.
Wie viele Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts befasste sich Locke intensiv mit der Epistemologie. Er fragte, was menschliches Wissen erreichen könne und wo seine Grenzen lägen. Die Feststellung dieser Grenzen sollte dazu beitragen, falsche Überzeugungen zu überwinden. Für Rationalisten war die Erkenntniskritik eine Grundlage für den Aufbau philosophischer Systeme. Für Locke und andere Empiristen hingegen war sie ein Ziel an sich — eine therapeutische Tätigkeit, die Wissenschaft und Erkenntnis voranbringen sollte. Während rein begriffliche Erkenntnis begrenzt und problematisch bleibt, liegt der wahre Fortschritt des Wissens in den empirischen Wissenschaften, die durch Überprüfung und schrittweise Verbesserung voranschreiten.
Lockes erkenntniskritische “Reinigung“ beschränkt sich nicht auf die Philosophie. Sein Ziel war es, sowohl das Wesen der Erkenntnis zu klären als auch den Fortschritt der Naturwissenschaften zu fördern. Philosophie ist für ihn nicht die Königin der Wissenschaften, sondern eine unterstützende Disziplin, die durch Begriffsaufklärung und die Entlarvung von Pseudowissen zum Fortschritt beitragen kann.
Klarheit der Begriffe ist aus vielerlei Gründen notwendig. Unklare Begriffe führen zu Missverständnissen und Mehrdeutigkeiten. Solange nicht geklärt ist, welche Bedeutung gemeint ist, bleibt jede Diskussion unproduktiv. Daher ist in der intellektuellen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung klare Ausdrucksweise unverzichtbar.
Locke kritisierte, dass auch die Sprache von Wissenschaftlern in abstrakten und unklaren Wendungen verhaftet sein könne, die Weisheit vortäuschen, tatsächlich jedoch sprachliche Missbräuche darstellen. Solche Worte und Phrasen können den Sprechenden ein falsches Ansehen als Weise verleihen, während die Zuhörenden sich unwissend fühlen und die vermeintliche Autorität anerkennen. Dieser sprachliche Betrug betrifft sowohl Sprecher als auch Hörer. Auch wenn die Absichten oft gut sind, fällt es schwer, die Beteiligten vom Missbrauch der Sprache zu überzeugen.
Ein Beispiel für solche irreführenden Spekulationen sieht Locke im traditionellen Gebrauch von Begriffen wie Substanz, angeborene Ideen oder Unendlichkeit. Die Kritik an diesen abstrakten Begriffen dient bei Locke der intellektuellen Befreiung von überkommenen Irrtümern. Seine Sprachkritik zeigt die Nähe zur Aufklärung: Die Klärung der Sprache wird zum Werkzeug der Emanzipation. Sie befreit von Fanatismus und ermöglicht eine vernünftige Kommunikation in Wissenschaft und Öffentlichkeit.
Das Verständnis, dass philosophisches Denken eine therapeutische Funktion besitzt, lässt sich bis zu Sokrates zurückverfolgen. Diese Überzeugung wurde in unterschiedlicher Form von Empiristen, Rationalisten und Philosophen der Aufklärung geteilt. Auch heute vertreten verschiedene philosophische Strömungen, wie der Existentialismus, die analytische Philosophie und die Sozialphilosophie, diese Auffassung. Natürlich variiert das Verständnis der therapeutischen Funktion der Philosophie je nach ihrer Rolle: sei es in der existenziellen Erleuchtung bei Karl Jaspers (1883—1969), der Authentizität bei Martin Heidegger (1889—1976) oder der Kritik politischer Ideologien bei Jürgen Habermas (1929). Charakteristisch für diese vielseitige Tradition ist die Auffassung der Philosophie als formende und klärende Tätigkeit, die nicht auf allgemeinverbindliche Antworten und Resultate abzielt, wie es für Wissenschaft typisch wäre. Philosophie ist ein Weg, der nur denen etwas sagt, die ihn beschreiten.
Man könnte es so formulieren: Rational zu sein bedeutet, den Willen zur Wahrheitssuche und zur Überprüfung der eigenen Ansichten zu besitzen, was eine offene und freie Diskussion mit anderen voraussetzt. Die Suche nach Wahrheit erfordert demnach intellektuelle Freiheit und Toleranz. Grundlage für das Gespräch mit anderen über komplexe wissenschaftliche und politische Fragen ist die Bereitschaft anzuerkennen, dass auch andere recht haben könnten und dass wir von ihnen lernen können. Eine solche Diskussion setzt eine Haltung der Antidogmatik und Offenheit voraus. Auf Basis der verfügbaren Argumente halten wir unsere Meinung für richtig, ändern sie jedoch sofort, wenn neue Argumente dies erfordern. Unsere Überzeugung ändern wir nur dann, wenn es die Argumente gebieten. Diese Überlegungen zeigen eine enge Verbindung zwischen Erkenntnistheorie und Sozialphilosophie.
Doch was ist ein überzeugendes Argument? Diese Frage bleibt auch heute umstritten.
Wir haben gesehen, dass Locke als Inspirator einer neuen wissenschaftlichen Kultur auftritt, die in den Kreisen der aufgeklärten und fortschrittlich denkenden Bürgerschaft Englands des späten 17. Jahrhunderts Gestalt annahm. Er markiert den Beginn der Epoche der Aufklärung. Im Folgenden werden wir betrachten, wie Locke eine politische Philosophie entwickelte, die den neuen Bedingungen entsprach. Zunächst jedoch werfen wir einen kurzen Blick auf seine erkenntnistheoretische Position.
Lockes Kritik der Erkenntnis fordert sowohl eine Klärung der Sprache als auch eine empirische Begründung. Sie ist eng mit seiner allgemeinen Sicht auf Erkenntnis verbunden. Bezüglich der Quellen unseres Wissens vertritt Locke die Auffassung: "Woher bezieht [der Geist] das gesamte Material zum Denken und Wissen? Darauf antworte ich mit einem Wort: aus der Erfahrung. Auf Erfahrung gründet sich unser gesamtes Wissen, und aus ihr stammt es letztlich." Locke ist überzeugt, dass das Material des Denkens und der Erkenntnis aus der Erfahrung stammt. Folglich müssen wir schließen, dass alles, was nicht auf diesem Material beruht, kein echtes Wissen darstellt. In solchen Fällen verwenden wir Worte ohne Bezug zur Erfahrung, und das Gesagte kann nicht als Wissen gelten.
Doch was ist Erfahrung? Der Begriff selbst besitzt zahlreiche Bedeutungen. So sprechen wir etwa von religiöser Erfahrung, beruflicher Erfahrung und rein sinnlicher Erfahrung. Locke unterscheidet zwischen Erfahrung als äußerer Wahrnehmung (Sensation) und Erfahrung als innerer Wahrnehmung unserer mentalen Handlungen und Zustände (Reflexion). Was wir durch diese Erfahrung gewinnen, sind im Wesentlichen einfache Ideen (Impressionen). Locke spricht von Erfahrung in einer Weise, die an die Psychologie der Wahrnehmung und Introspektion erinnert, welche grundlegende kognitive Elemente — “atomare“ sinnliche Eindrücke — voraussetzt.
Im Allgemeinen nimmt Locke an, dass solche grundlegenden Erfahrungen passiv erworben werden. Diese passiv aufgenommenen einfachen Ideen werden anschließend aktiv durch den Verstand verarbeitet. So entsteht bei den Menschen ein reichhaltiges Spektrum komplexer Ideen (Vorstellungen). Einige dieser komplexen Vorstellungen entstehen, weil einfache Ideen, die regelmäßig zusammen auftreten, zu zusammengesetzten Vorstellungen führen. Beispielsweise führen regelmäßige Vorstellungen von den Seiten eines Hauses zu der Vorstellung eines Hauses als Ganzes. Bei anderen komplexen Vorstellungen, wie der Idee des Kentauren, der Substanz oder des Privateigentums, spielt der Verstand eine primär schöpferische Rolle.
Dieser Ansatz wirft eine entscheidende Frage auf: Inwieweit vermittelt das auf Erfahrung basierende Denken und Erkennen etwas qualitativ anderes und mehr als die Summe der einfachen Ideen, auf denen es beruht? Anders ausgedrückt: Ist Erkenntnis nichts anderes als die Summe der wahrgenommenen Ideen, oder beinhaltet sie etwas darüber Hinausgehendes?
Hier begegnen wir einem Problem der Reduktion, ähnlich dem, das wir im Zusammenhang mit Hobbes diskutiert haben. Reduziert sich eine Uhr auf ihre Einzelteile? Wenn wir behaupten, dass Erkenntnis auf ihre Einzelteile reduziert werden kann, nehmen wir eine radikal empiristische Position ein. Erkenntnis ist dann nur das, was vollständig aus der Erfahrung abgeleitet werden kann. Wird Erfahrung als Summe einfacher Wahrnehmungen verstanden, so bedeutet dieser Ansatz, dass Erkenntnis nur das ist, was sich vollständig durch einfache (innere und äußere) Wahrnehmungen analysieren lässt.
Wenn wir hingegen sagen, dass der Erkenntnisprozess zwar mit einfachen Wahrnehmungen beginnt — Erfahrung also das Material der Erkenntnis liefert —, aber Erkenntnis etwas qualitativ anderes als deren Summe beinhaltet, gelangen wir zu einer anderen Position. Deren präzise Formulierung hängt davon ab, wie die Bildung von Erkenntnis aus dem Material einfacher Wahrnehmungen verstanden wird.
Die erste Alternative führt zu einer Reihe komplexer Probleme. Eines davon betrifft die Frage der Selbstreferenz: Kann diese These selbst auf einfache Wahrnehmungen reduziert werden? Diese Alternative würde außerdem bedeuten, dass Lockes Erkenntnistheorie (in der beschriebenen empiristischen Auslegung) im scharfen Gegensatz zu seiner politischen Theorie stünde, die deutlich rationalistische Elemente wie die Begriffe der Menschenrechte und des Privateigentums enthält. Daher gibt es Gründe, die zweite Alternative in der Interpretation von Lockes Position zu bevorzugen: Erkenntnis entsteht aus Erfahrung (einfachen Wahrnehmungen und Reflexion), der Verstand verarbeitet jedoch dieses Material aktiv, wodurch etwas entsteht, das sich qualitativ von den einfachen Ideen unterscheidet. (Eine Uhr unterscheidet sich qualitativ von ihren Einzelteilen, auch wenn sie aus ihnen besteht.)
Gemäß dieser Erkenntnistheorie spielt der menschliche Verstand eine aktive Rolle bei der Bildung von Wissen. Hinsichtlich der Allgemeingültigkeit von Ideen besteht die Prüfung darin, ihre verschiedenen Elemente auf einfache Wahrnehmungsideen zurückzuführen. Diese Prüfung bedeutet jedoch nicht, dass komplexe Ideen grundsätzlich nur die Summe einfacher Wahrnehmungsideen sind. Sie drückt lediglich aus, dass einfache Wahrnehmungsdaten als Material für die Erkenntnis notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingungen sind. Werden diese Bedingungen nicht erfüllt, so bleibt uns die Erkenntnis verwehrt.
Als Beispiel betrachtet Locke das Konzept der Unendlichkeit. Drückt dieses Konzept Wissen oder Pseudowissen aus? Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, die Entstehung dieses Begriffs zu untersuchen. Locke zufolge zeigt sich hierbei, dass wir keine unmittelbare Erfahrung der Unendlichkeit besitzen. Das, was wir in der Erfahrung, genauer gesagt in der Wahrnehmung, erkennen, bezieht sich beispielsweise darauf, dass jede Strecke stets um eine bestimmte Länge verlängert werden kann. Stellen wir uns vor, dieser Prozess setze sich ununterbrochen fort, indem fortwährend neue Streckenabschnitte hinzugefügt werden, gelangen wir zu einem “Grenzbegriff“ der unendlichen Linie. Entsprechende Überlegungen lassen sich auch auf die Zeit anwenden. Laut Locke zeigt dies, dass unser Begriff der Unendlichkeit grundsätzlich gerechtfertigt ist, solange wir diesem Begriff nicht mehr zuschreiben, als empirisch begründet werden kann. So dürfen wir beispielsweise nicht behaupten, dass etwas Unendliches existiert. Wir sind lediglich berechtigt zu sagen, dass wir die Unendlichkeit durch Verallgemeinerung gegebener Erfahrungen imaginieren und das so gewonnene Konzept der Unendlichkeit verwenden können.
Die Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs der Unendlichkeit garantiert nicht, dass er epistemologisch akzeptabel ist. Diese Kritik richtet sich gegen die kartesische Auffassung, wonach Klarheit und Deutlichkeit eines Begriffs die Existenz der von ihm bezeichneten Entität impliziert. Wir können nur von der Existenz dessen sprechen, wofür empirische Beweise vorliegen. Die Überprüfung von Wissen basiert auf empirischer Fundierung, nicht auf subjektiver Erfahrung. Hier reicht die Klarheit unserer persönlichen Empfindungen nicht aus; erforderlich ist eine Prüfung der Wahrnehmung oder Introspektion.
Lockes Auffassung zur Entstehung von Erkenntnis lässt sich folgendermaßen beschreiben: Wenn wir geboren werden, gleichen wir einem unbeschriebenen Blatt Papier (tabula rasa). Uns fehlen jegliche “angeborenen Ideen“. Wir nehmen von äußeren Dingen Wahrnehmungsideen (simple ideas of perception) auf, die aus den echten Eigenschaften der Dinge und den sinnlichen Qualitäten bestehen, die Menschen diesen hinzufügen. Dank der Fähigkeit zu mentalen Operationen verfügen wir außerdem über einfache Reflexionsideen. Wie bereits erwähnt, formt der Verstand aus diesem Material verschiedene Arten komplexer zusammengesetzter Ideen. Das Ergebnis ist eine Erkenntnis, die auf einfachen Wahrnehmungs- und Reflexionsideen beruht, sich jedoch nicht auf sie reduzieren lässt.
Zur Zeit Lockes war es üblich, zwischen primären und sekundären Qualitäten zu unterscheiden. Innerhalb des mechanistischen Weltbildes galt es als selbstverständlich, dass äußere Objekte lediglich Eigenschaften wie Ausdehnung, Form und Festigkeit besäßen — sogenannte primäre Qualitäten, ohne die Dinge nicht denkbar sind. Diese primären Qualitäten werden von unseren Sinnesorganen adäquat in Form entsprechender Ideen abgebildet. Zusätzlich nehmen wir jedoch mit unseren Sinnen Geschmack, Geruch, Farbe, Wärme usw. wahr. Diese sekundären Qualitäten gründen sich nicht unmittelbar auf die primären Qualitäten der Dinge. Sinnliche, oder sekundäre, Qualitäten entstehen durch die Wirkung bestimmter Anordnungen und Kombinationen primärer Qualitäten sowie durch quantitative Kräfte zwischen den Dingen auf unsere Sinnesorgane. Hierin liegt die These von der Subjektivität der sinnlichen Qualitäten: Sie hängen von uns, also vom Subjekt, ab.
Natürlich stellt sich die Frage, ob die Unterscheidung zwischen sinnlichen Qualitäten (z. B. Farbe) und primären Qualitäten (z. B. Ausdehnung) gerechtfertigt ist. Kann man sich Ausdehnung ohne Farbe vorstellen? Falls nicht und falls wir zugleich meinen, dass Farbe eine vom erkennenden Subjekt abhängige Eigenschaft sei, wird es problematisch zu behaupten, primäre Qualitäten wie Ausdehnung seien unabhängig vom Menschen. Sind jedoch alle Eigenschaften, einschließlich der sogenannten primären Qualitäten, vom erkennenden Subjekt abhängig, führt dies zum Idealismus: Wir können nicht länger von objektiv existierenden Eigenschaften in der Natur sprechen, also von Eigenschaften in den Dingen, die unabhängig vom Subjekt sind.
Derartige Fragen gaben einen Impuls für die Entwicklung des englischen Empirismus (Berkeley, Hume). Ebenso kann gefragt werden, wie wir überhaupt etwas über äußere Dinge wissen können, wenn es stimmt, dass sinnliche Eindrücke auf der Netzhaut (und in anderen Sinnesorganen) der Ausgangspunkt und die einzige Grundlage unserer Erkenntnis sind. Wenn wir nicht den Baum im umgebenden Wald sehen, sondern lediglich das “Bild des Baums“ auf der Netzhaut, können wir nicht sicher wissen, ob es im Wald tatsächlich Bäume gibt. Die Erkenntnistheorie, die sinnliche Eindrücke äußerer Dinge als Ausgangspunkt des Wissens betrachtet, erweist sich daher als höchst problematisch.
Das oben Gesagte illustriert die standardmäßige Kritik am sogenannten repräsentativen Realismus, also an der Erkenntnistheorie, die behauptet, äußere Dinge existierten unabhängig von unserem Bewusstsein (erkenntnistheoretischer Realismus), seien uns aber nur durch Bilder oder Vorstellungen zugänglich, die in unseren Sinnesorganen entstehen. Diese Erkenntnismodell, das erklären soll, wie wir die Außenwelt erkennen, führt letztlich dazu, dass wir keinen Zugang zu dieser Welt haben. Ähnliche Argumente gegen Lockes Erkenntnistheorie wurden später von Empiristen wie Berkeley vorgebracht.
Schließlich bleibt unklar, was einfache Wahrnehmungsideen eigentlich sind. Wenn ich dieses Buch lese, was ist dann eine einzelne einfache Wahrnehmungsidee: das Buch insgesamt, eine bestimmte Seite, eine Zeile, ein Buchstabe, ein Teil eines Buchstabens oder etwas anderes? Daher wird häufig die Mehrdeutigkeit von Lockes Verwendung des Begriffs “Idee“ betont. Teilweise bezieht er sich auf ein Konzept, teilweise auf unmittelbare sinnliche Eindrücke.
Prinzipiell lassen sich komplexe, zusammengesetzte Ideen in zwei Arten unterteilen: die einen beziehen sich auf Zustände der äußeren Welt, die anderen auf Beziehungen zwischen Begriffen. Die Überprüfung der zweiten Art besteht darin, ihre Kohärenz festzustellen, das heißt, zu prüfen, in welchem Maß die Ideen zueinander passen. Bei der ersten Art ist zusätzlich zu klären, inwieweit sie mit einfachen Ideen übereinstimmen.
Locke meint, es sei möglich, Axiome der Ethik und Mathematik zu überprüfen. Er spricht von Begriffen wie Gott und Substanz, betont jedoch, dass alle Begriffe, die komplexe Ideen ausdrücken, einer Analyse bedürfen. Dies betrifft Begriffe wie Tugend, Pflicht, Kraft und Substanz.
Lockes bekannte Analyse des Begriffs der Substanz zeigt, dass wir häufig beobachten, wie einfache Ideen in bestimmten Kombinationen gemeinsam auftreten. Daher sprechen wir davon, dass diese Ideen zu einer und derselben Sache gehören, und geben ihnen einen gemeinsamen Namen. Eigenschaften wie rund, grün, sauer, hart usw. treten beispielsweise im Zusammenhang mit dem auf, was wir als unreifen Apfel bezeichnen. Im Alltag betrachten wir den unreifen Apfel als eine Einheit. Durch Analyse stellen wir fest, dass die komplexe Idee, die wir besitzen, aus einer Reihe von Eigenschaften besteht, die regelmäßig zusammen auftreten. Doch wenn wir vom unreifen Apfel sprechen, als existiere er unabhängig von den einzelnen wahrgenommenen Eigenschaften, beziehen wir uns auf etwas, von dem wir keine sinnlichen Eindrücke haben können. Dieses “Etwas“, das den Eigenschaften zugrunde liegt und sie miteinander verbindet, wird häufig Substanz genannt.
Locke behauptet nicht, dass wir aufhören sollten, von Substanzen oder Dingen zu sprechen. Auch er spricht von ihnen. Vielmehr fordert er, durch Analyse zu klären, dass wir es in solchen Fällen mit völlig anderen Arten von Begriffen zu tun haben, als wenn es um einfache wahrnehmbare Eigenschaften geht. So gesehen besteht Lockes Position darin, unser Sprachgebrauch nicht zu verändern, sondern ein tieferes Bewusstsein darüber zu schaffen, was wir mit solchen Begriffen ausdrücken.
John Locke vertritt keinen radikalen Empirismus im Sinne der Auffassung, dass Wissen ausschließlich auf einfache Sinneseindrücke zurückgeführt werden kann. Vielmehr lässt sich seine Position als gemäßigter Empirismus beschreiben, wie sich etwa in seiner Kritik an den Begriffen der Substanz und der Unendlichkeit zeigt. Gleichzeitig ist Locke jedoch auch rationalistischen Positionen zugeneigt, wie seine Ansichten zur Begründung ethischer Prinzipien verdeutlichen. Daher ist es verfehlt, Locke als den “Vater des Empirismus“ zu betrachten, sofern man unter Empirismus die radikale Variante versteht. Dennoch hat Locke wesentliche Beiträge zur Begründung einer Tradition geleistet, die über Berkeley und Hume bis hin zu den logischen Empiristen reicht — einer Strömung, in der tatsächlich radikale Formen des Empirismus vertreten wurden.
Der Begriff des Empirismus wird jedoch nicht ausschließlich zur Kennzeichnung radikaler erkenntnistheoretischer Positionen verwendet. Er bezeichnet oft vielmehr eine grundsätzliche Haltung, die durch eine positive Einstellung zu den Erfahrungswissenschaften sowie durch Skepsis gegenüber spekulativen, logisch unklaren und empirisch nicht überprüfbaren Systemen geprägt ist. Eine solche skeptische und offene Haltung, verbunden mit dem Streben nach begrifflicher Klarheit und empirischer Überprüfung, wurde zu einem prägenden Merkmal des intellektuellen Lebens des 18. Jahrhunderts, insbesondere in Großbritannien. Verwendet man den Begriff des Empirismus in diesem Sinne, so kann Locke ohne weiteres als Empirist bezeichnet werden. Ob er jedoch als “Vater dieses Empirismus“ gelten kann, ist zweifelhaft, da eine ähnliche “empiristische Haltung“ bereits bei früheren Denkern zu finden ist. Ergänzend sei bemerkt, dass diese “empiristische Haltung“ heute integraler Bestandteil unserer wissenschaftlichen Zivilisation ist.
Im Kontext dieser Überlegungen lassen sich zwei besondere Formen des Empirismus unterscheiden: der konzeptuelle und der verifikatorische Empirismus. Der konzeptuelle Empirismus geht epistemologisch vereinfacht davon aus, dass Begriffe aus der Erfahrung hervorgehen, während der verifikatorische Empirismus annimmt, dass Aussagen letztlich durch Erfahrung — genauer: durch Beobachtung — bestätigt werden. Je nach Auffassung von Begriffen und Erfahrung sowie je nach Interpretation der Verifikation und Falsifikation von Aussagen — seien es theoretische Behauptungen oder Aussagen über unmittelbare Beobachtungen — existieren zahlreiche Varianten beider Empirismusformen. Der konzeptuelle Empirismus zielt darauf ab, zu klären, was Begriffe sinnvoll macht. Dabei ist der sinnvolle Gebrauch von Begriffen notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Wahrheit von Aussagen. Der verifikatorische Empirismus hingegen untersucht, wie Aussagen bestätigt oder widerlegt werden können — auf welcher Grundlage theoretische Behauptungen ebenso wie Beobachtungsaussagen als wahr oder falsch gelten dürfen.
Locke kann in gewisser Hinsicht mit Thomas von Aquin verglichen werden, insofern als er, ähnlich wie Thomas, den Geist seiner Zeit konzeptionell auszudrücken suchte. Die Ambivalenz von Lockes Philosophie könnte daher als Ausdruck der Ambivalenz seiner Epoche verstanden werden, einer Zeit, die nicht nur verschiedene Formen des philosophischen Denkens hervorbrachte, sondern auch von gesellschaftlicher Fragmentierung und tiefgreifendem Wandel geprägt war. Lockes differenzierte Auffassung von Vernunft und Erfahrung erlaubt es, seine Philosophie sowohl aus der Perspektive der ihr vorausgehenden Denktraditionen als auch aus jener der späteren philosophischen Entwicklungen zu deuten. Im ersten Fall könnte man etwa an die Position von Thomas von Aquin denken, der behauptete, dass die Vernunft Abstraktionen auf Grundlage sinnlich gegebener Materialien bildet; im zweiten Fall an Kants Auffassung, wonach die Vernunft durch ihre aktive Tätigkeit mittels “transzendentaler Formen“ das Material der Erfahrung gestaltet.
Vor diesem Hintergrund kann die “empiristische Haltung“ als durch die jeweiligen sozialen Institutionen und Praktiken — etwa Handel und Technologie — situativ bestimmt betrachtet werden, anstatt durch ein rein theoretisches Verhältnis zur Welt. Ein radikaler erkenntnistheoretischer Empirismus wäre demnach als Versuch zu verstehen, diese Haltung konzeptionell auszudrücken. Rationalismus, wie etwa jener Descartes’, könnte hingegen als ein alternativer Versuch der begrifflichen Durchdringung einer in vieler Hinsicht vergleichbaren Situation interpretiert werden. Aus diesem Grund teilen die erkenntnistheoretischen Theorien von Descartes und Locke eine gemeinsame Grundlage, wodurch die Gegensätzlichkeit dieser Theorien weniger offensichtlich erscheint, wenn man Rationalismus und Empirismus nicht anhand ihrer radikalen Formen einander gegenüberstellt.
In vielerlei Hinsicht können die Debatten um wissenschaftliche Methodologie — etwa bei Carnap, Popper oder Kuhn — als Auseinandersetzungen über den verifikatorischen Empirismus verstanden werden. Ein zentraler Punkt ist dabei, in welchem Maße Aussagen als wahr oder allgemeingültig gelten können, wenn sie letztlich nicht durch Beobachtung bestätigt werden können. Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft das Verhältnis zwischen verschiedenen Formen von Erfahrung — etwa sinnlicher Wahrnehmung, Arbeitserfahrung und Lebenserfahrung — und deren Bedeutung für den konzeptuellen Empirismus. Hierbei sind etwa Hegels Begriff der Erfahrung oder Wittgensteins und Heideggers Auffassungen von Praxis von Relevanz.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025