Aristotelische Definitionen von Energie, Entelechie, Dynamis (Fähigkeiten und Möglichkeiten) und Bewegung als Entelechie (Energie)
Aristoteles über das Verhältnis von Energie und Dýnamis (Potenzialität)
1. Energie („Existenz-in-der-Wirklichkeit“) steht der Fähigkeit in Bezug auf die Definition voraus, und folglich auch in Bezug auf die Erkenntnis.
Um eine Vorstellung von der Fähigkeit eines Dinges zu gewinnen, muss man zunächst das tatsächliche Dasein (die Wirklichkeit) dieses Dinges wahrnehmen und erkennen; die Verwirklichung dieses Dings als Wirkliches ist Energie („Existenz-in-der-Wirklichkeit“) oder Entelechie („Existenz-in-der-Zielsetzung“) – sei es werdend oder geworden. Daher trifft der Erkennende zunächst auf die Energie – also auf das Ding, das Energie verwirklicht – und erst danach konstruiert der Verstand die Vorstellung und das Konzept der Fähigkeit als Anfang der Energie. Daraus wird auch deutlich, dass in diesem Sinne die Energie der Fähigkeit nicht nur im Sinne von „Existenz-in-der-Wirklichkeit“, sondern auch im Sinne von „Tatsächlichkeit“ vorausgeht.
2. Energie („Tatsächlichkeit“) steht der Fähigkeit in Bezug auf Definition und Erkenntnis voraus.
3. Energie („Existenz-in-der-Wirklichkeit“) steht nicht nur der Fähigkeit als ihrem Anfang, sondern auch anderen ihren Anfängen – z. B. der Sache selbst – in Bezug auf Definition und Erkenntnis voraus.
Was in Punkt 1 über die Fähigkeit gesagt wurde, gilt auch für andere Anfänge der Energie, etwa für die konkrete Sache selbst. Aristoteles nimmt als Beispiel der hier betrachteten Anfänge nicht die Kraft, sondern die Natur – offenbar im dritten Sinn des Wortes „Natur“, wie in Metaphysik V, IV, S. 150 erwähnt: Natur ist die Quelle, aus der die erste Bewegung in jedem natürlichen Ding entsteht – in ihr selbst, als solche.
4. Energie („Tatsächlichkeit“) steht nicht nur der Fähigkeit, sondern auch allen anderen ihren Anfängen, etwa der Sache selbst, in Bezug auf Definition und Erkenntnis voraus.
5. In kausalen Zusammenhängen („zeitlich und in Bezug auf Entstehung“) steht Energie („Tatsächlichkeit“) der Möglichkeit voraus („das, was nicht Wirklichkeit ist, aber unter bestimmten Bedingungen Wirklichkeit werden kann“):
Das, was tatsächlich existiert, steht zeitlich vor dem, dessen Existenz möglich ist. Was in Möglichkeit existiert, entsteht aus etwas, das bereits als Wirklichkeit existiert, als Grundlage. Aristoteles schreibt: „Was in Möglichkeit Mensch, Brot oder sehendes Wesen ist, existiert noch nicht in Wirklichkeit; ihnen gehen andere Dinge voraus, die in Wirklichkeit existieren, aus denen diese Dinge hervorgegangen sind; stets entsteht aus einem in Möglichkeit existierenden Ding ein tatsächlich existierendes Ding durch die Handlung eines anderen, ebenfalls tatsächlich existierenden Dings; z. B. der Mensch durch den Menschen, der Gebildete durch den Gebildeten, wobei immer etwas Erstes existiert, das Bewegung verursacht; das, was diese Bewegung verursacht, existiert bereits in Wirklichkeit.“
6. Die tatsächliche Existenz eines Dings wird der tatsächlichen Existenz dessen vorangehen, was in Möglichkeit dasselbe Ding ist.
Beispiel: Ein Marmorblock ist die Möglichkeit einer Statue; das Existieren des Blocks geht der Existenz der Statue voraus. Aristoteles: „Im Vergleich zu diesem Menschen, der bereits in Wirklichkeit existiert, und ebenso zum Brot und zum Sehenden, geht zeitlich voraus – Materie, Samen und das, was sehen kann, also das, was in Möglichkeit Mensch, Brot und sehendes Wesen ist, in Wirklichkeit jedoch noch nicht.“
7. Selbst wenn die Möglichkeit zeitlich der Wirklichkeit vorausgeht, steht die Wirklichkeit in Bezug auf Vollständigkeit der wahrgenommenen Form und „Vollkommenheit des Wesens“ der Möglichkeit voraus.
Beispiel Mensch: Kind, Jugendlicher, Mann besitzen alle die menschliche Essenz, aber die Vollständigkeit der Form ist beim Mann vor der des Jugendlichen oder Kindes. Das Kind ist eine Möglichkeit des Mannes, der Jugendliche ebenfalls. Gleiches gilt für Marmorblock und Statue.
8. Unter „Ziel“ (Vollendung) versteht man das Dasein eines Dinges in einem Zustand der Erreichung der Vollendung; die Vollendung ist somit Wirklichkeit.
Die Fähigkeit existiert, um dieses Ziel zu erreichen, nicht umgekehrt. Zitat Aristoteles: „Alles, was entsteht, richtet sich auf seinen Anfang und sein Ziel; das Ziel ist Wirklichkeit, und dafür wird die Fähigkeit angenommen.“
9. Vollendung ist Umsetzung von Energie oder Entelechie („Existenz-in-der-Zielsetzung“); daher existiert die Fähigkeit für die Vollendung, nicht umgekehrt. Energie geht der Fähigkeit voraus.
10. Logisch Vorhergehendes kann in der Wirklichkeit später existieren; vorher kann es nur als Möglichkeit existieren.
Beispiel: Ganzes und seine Teile. Das Ganze existiert als Möglichkeit, bis es durch die Teile realisiert wird.
11. Tatsächlichkeit kann logisch vor der Möglichkeit stehen, z. B. wenn das Ganze aus Teilen gebildet wird: Das Dasein der einzelnen Teile geht der Existenz des Ganzen voraus.
Aristoteles: „Die Wirklichkeit steht der Fähigkeit voraus – sowohl in Bezug auf die Definition als auch auf die Essenz; zeitlich in einem Sinne vorher, in einem anderen nicht. Was als fähig zuerst existiert, kann tatsächlich existieren; so nenne ich fähig zu bauen, was tatsächlich bauen kann, fähig zu sehen, was tatsächlich sehen kann.“
„Das, was in Möglichkeit existiert, entsteht durch ein tatsächlich existierendes Ding; z. B. der Mensch durch den Menschen, der Gebildete durch den Gebildeten; es gibt immer etwas Erstes, das Bewegung verursacht, aber das, was diese Bewegung verursacht, existiert bereits in Wirklichkeit. Alles, was entsteht, wird durch ein anderes Ding verwirklicht. Wer lernt, muss bereits einen Teil des Wissens besitzen.“
„Die Wirklichkeit steht auch in Bezug auf die Essenz vor der Fähigkeit; Dinge, die später entstehen, stehen früher in Form und Wesen. Alles, was entsteht, richtet sich auf Anfang und Ziel; das Ziel ist Wirklichkeit, und dafür wird die Fähigkeit angenommen.“
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 01/10/2025