Das Konzept des Fakts im sozial-humanitären Wissen - Philosophische Probleme der sozial-humanitären Wissenschaften
Geschichte und Philosophie der Wissenschaft - 2024 Inhalt

Philosophische Probleme der sozial-humanitären Wissenschaften

Das Konzept des Fakts im sozial-humanitären Wissen

In der modernen sozial-humanitären Wissenschaft überwiegen Merkmale der nichtklassischen und post-nichtklassischen wissenschaftlichen Rationalität, welche die Einbeziehung des Subjekts in das untersuchte Objekt berücksichtigt. In diesem Fall ist das Objekt die Gesellschaft. Das Verständnis von Gesellschaft schließt notwendigerweise die Praxis ein, die durch das Handeln von aktiven Gruppen geprägt ist, die ihre eigenen Interessen und Ziele verfolgen. Für die post-nichtklassische Wissenschaft ist es auch charakteristisch, dass sich selbstentwickelnde Systeme durch einen sich evolvierend entwickelnden Subjekt untersucht werden. Die Welt wird als eine Gesamtheit von Prozessen verstanden, in der nichts unveränderlich ist; eine wesentliche Eigenschaft des Existierenden wird die Historizität. Der menschlichen Existenz in der Gesellschaft und der Menschheit insgesamt ist eine spezifische Historizität eigen. Es stellt sich daher die Frage, inwieweit der sozial-humanitäre Bereich der Wissenschaft in der Lage ist, reale Ereignisse zu erfassen und zu reproduzieren.

Viele Wissenschaftler neigen dazu, die Geschichte als eine beschreibende Disziplin zu betrachten. Tatsächlich ist eine der markantesten Eigenschaften des historischen Wissens die Empirie, jedoch treten in der modernen Geschichtswissenschaft immer deutlicher theoretische Wissensfragmente hervor, die allerdings erst relativ spät entstanden sind (Vico, Hegel, Marx). In diesem Zusammenhang ist die Frage der Zuverlässigkeit der empirischen Grundlage der Geschichte von besonderer Bedeutung.

Die Besonderheit des historischen Wissens liegt darin, dass wir niemals direkt auf das untersuchte Objekt stoßen, wenn wir Geschichte als das Vergangene studieren, sondern nur auf seine Spuren. Da der Historiker es nicht mit den Ereignissen selbst zu tun hat, sondern mit kritisch analysierten, bewerteten und bearbeiteten Zeugnissen, erscheint es bevorzugt, dass der Historiker mit verallgemeinerten und interpretierten Fakten arbeitet. Da Verallgemeinerung und Interpretation Phänomene des Wissens sind, sind auch Fakten demnach konstruktive Elemente des Wissens.

Ein historischer Fakt unterscheidet sich von direkten Beschreibungen einzelner historischer Daten. Der Historiker, der mit Dokumentenquellen arbeitet, erschafft aus deren Inhalt eine Gesamtheit von Fakten, da ein Ereignis (das in Raum und Zeit stattfindet) sich vom Faktum als Aussage über das Ereignis unterscheidet. Ereignisse geschehen und werden mehr oder weniger adäquat in Dokumentenquellen und Kulturdenkmalen wiedergegeben, Fakten werden jedoch im Denken, in der Sprache und in der Vorstellung der Wissenschaftler konstruiert und existieren in der Sprache.

Die Natur des historischen Fakts ist mehrdeutig. Eine Analyse des Begriffs “Fakt“ zeigt drei am häufigsten verwendete Bedeutungen.

  1. Aus realistischer Sicht werden Fakten als bestimmte Fragmente der Wirklichkeit betrachtet, objektive Ereignisse, Situationen oder Prozesse im Bereich der Realität oder des Bewusstseins (Fakten 1). In diesem Sinne wurde der Begriff “Fakt“ in der historischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts weitgehend verwendet (zum Beispiel verstand der russische Historiker A. S. Lappo-Danilevsky einen Fakt als das bedeutendste sozial relevante Ereignis, das ein Fragment der historischen Realität darstellt).
  2. Aus methodologischer Sicht wird der Fakt als spezielles Wissen über ein entsprechendes Ereignis, Phänomen, Situation oder Prozess betrachtet, also nicht als Element der objektiven Welt, sondern als eine bestimmte Art unseres Wissens darüber (Fakten 2). In diesem Fall wird der Fakt nicht einfach als ein Fragment der Wirklichkeit verstanden, das von der jeweiligen Wissenschaft untersucht wird, sondern als die Art und Weise, wie dieses Fragment der Wirklichkeit in wissenschaftlichem Wissen dargestellt wird. In diesem Sinne wird der Fakt oft als Beschreibung des Ereignisses verstanden.
  3. Der Fakt wird als Synonym der Wahrheit betrachtet. Diese Verwendung soll hier nicht weiter behandelt werden, da der Begriff “Wahrheit“ eine stabile und eigenständige Bedeutung in der wissenschaftlichen und philosophischen Literatur hat.

Die Geschichte als Abfolge von Ereignissen in der Vergangenheit wird als historische Realität betrachtet. Unser Wissen über diese Realität muss als eine historische Wirklichkeit betrachtet werden, die den Charakter unserer Vorstellung von der Wirklichkeit hat, stets subjekt-objektiv. Wie der moderne Philosoph und Methodologe der Geschichte, V. E. Nikitin, betont, dürfen weder unsere Theorien noch unsere Sprache die organische Verbindung von Subjekt und Objekt zerreißen, die besonders für das sozial-humanitäre Wissen charakteristisch ist.

Damit ein tatsächliches Ereignis zur historischen Realität wird, muss es in Form von Informationen über dieses Ereignis oder Handeln des Menschen festgehalten werden. Diese Information muss nicht nur erhalten bleiben, sondern auch “sprechen“. Der historische Fakt ist eine Form des Wissens über ein vergangenes Ereignis, die auf Grundlage der Information über dieses Ereignis aus einer bestimmten Perspektive unter Verwendung historischen Bewusstseins gebildet wird. Ein System solcher Fakten und deren Verbindungen untereinander ergibt das Bild der historischen Realität. Der Historiker, der Fakten bewertet und auswählt, konstruiert also die historische Realität. “Einen Fakt feststellen heißt, ihn zu erarbeiten“, schrieb Lucien Febvre über die Arbeit des Historikers.

Ein Fakt, der in Form einer Beschreibung auftritt, besitzt Glaubwürdigkeit, wobei eine Beschreibung keineswegs immer glaubwürdig ist. Ein Fakt ist verallgemeinerndes Wissen, das in Form einer individuellen Beschreibung auftritt. Fakten werden nicht einfach vom Historiker in ihrer fertigen Form aus den historischen Quellen extrahiert, sondern stellen das Ergebnis intellektueller Aktivität dar. Forscher sehen dasselbe empirische Material (Ereignis, Phänomen) unterschiedlich und deuten und erklären es daher unterschiedlich in der sozial-humanitären Wissenschaft. Fakten erhalten unterschiedliche Deutungen, verschiedene Interpretationen und unterschiedliche Bedeutungen in den Arbeiten verschiedener Historiker.

Das Bild der Geschichte enthüllt nicht nur das Objekt der Erkenntnis, sondern trägt unbewusst zur Erkenntnis der Eigenschaften des Subjekts bei, das es erschafft. Hans-Georg Gadamer schreibt:

“Das wahre historische Objekt ist keineswegs ein Objekt, sondern eine Einheit seines und des anderen — eine Beziehung, in der die Wirklichkeit sowohl der Geschichte als auch des historischen Verstehens verwurzelt ist.“

So lenkt die moderne Methodologie der Wissenschaft im Unterschied zur klassischen den Blick auf die Problemhaftigkeit der Darstellung des Fakts, hebt die theoretische Belastung empirischer Beschreibungen hervor und klärt die linguistische Natur der Sätze, die Fakten festhalten.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025