Der beseelte und vernünftige Kosmos als platonischer „Zeus“ - Einführung in die Philosophie Platons und Aristoteles
Ausgewählte Vorlesungen zur antiken, mittelalterlichen und modernen Philosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Einführung in die Philosophie Platons und Aristoteles

Der beseelte und vernünftige Kosmos als platonischer „Zeus“

Aus den folgenden Fragmenten wird ersichtlich, dass Platon den Kosmos mit seiner Seele (der Weltseele), ausgestattet mit Vernunft, als ein Ganzes „Zeus“ nennt, also den König der Götter. Unser Körper ist ein Teil des Körpers des Kosmos; unsere Seele ist ein Teil der Seele des Kosmos:

Sokrates: Also, ernährt sich das universelle Feuer von dem Feuer, das in uns ist, wird daraus geboren und erhält seinen Ursprung, oder hängt im Gegenteil mein und dein Feuer sowie das Feuer aller Lebewesen in all diesen Beziehungen vom universellen Feuer ab?

Protarch: Auf diese Frage lohnt es sich kaum zu antworten.

Sokrates: Richtig. Dasselbe, nehme ich an, würdest du über die Erde sagen, die sich hier in den Lebewesen und im Kosmos befindet, sowie über alles andere, worüber ich vorhin gefragt habe. Antwortest du so?

Protarch: Wer würde anders antworten, ohne den Verstand zu verlieren?

Sokrates: Wahrscheinlich niemand. Aber achte darauf, was daraus folgt. Da alles Genannte auf eines zurückzuführen ist, haben wir es Körper genannt?

Protarch: Natürlich.

Sokrates: Dasselbe gilt für das, was wir Kosmos nennen; bestehend aus denselben Gattungen, ist er genauso, so denke ich, ein Körper.

Protarch: Ganz richtig.

Sokrates: Also gehen wir weiter: Ernährt sich unser Körper vollständig von diesem Körper, oder im Gegenteil, ernährt sich der Weltkörper von unserem, indem er alle jene Gattungen in sich aufnimmt, über die wir gerade gesprochen haben?

Protarch: Auch darüber muss man sich nicht den Kopf zerbrechen.

Sokrates: Sollten wir dann fragen, ob in unserem Körper eine Seele ist?

Protarch: Natürlich.

Sokrates: Woher, lieber Protarch, sollte sie sie nehmen, wenn nicht vom beseelten Körper des Universums, der dasselbe enthält wie unser Körper, aber darüber hinaus in allen Hinsichten vollkommener ist?

Protarch: Es ist klar, dass sie sonst nirgendwoher kommen könnte, Sokrates.

Wenn man an die beiden besonderen, „geistigen“ Elemente denkt, die der Schöpfung der Seelen des Kosmos, der Götter, Geister und Menschen zugrunde lagen, so eignet sich das erste, unteilbare Element am meisten für die Weltseele. Tatsächlich schreibt Platon jedoch im „Timaios“, dass diese beiden Elemente zumindest teilweise zerkleinert und vermischt wurden, und aus ihrer Mischung ein drittes besonderes, „geistiges“ Element geschaffen wurde. Aus der Mischung dieser drei Elemente schließlich wurden die Seelen geschaffen – jede mit ihrem besonderen Mischungsverhältnis. Dies widerspricht natürlich der Auffassung, dass das erste Element unteilbar ist. Wenn man das erste Element tatsächlich als unteilbar betrachtet, ergibt sich, dass es in Wirklichkeit nur zwei Elemente gibt, dass das gesamte erste Element in die Weltseele eingeht und dass der höchste Teil der menschlichen Seele, der insbesondere für den Verstand verantwortlich ist, ein unteilbarer Teil der Weltseele sein muss.

Betont sei: Die platonische Weltseele ist keineswegs der Demiurg; sie gehört nicht zur Welt der Ideen, sondern zum Kosmos und besteht aus materiellen, besonderen Elementen – wie auch die anderen Seelen der im Kosmos existierenden Wesen. Die Weltseele besitzt Vernunft; diesen beseelten, vernünftigen Kosmos nennt Platon „Zeus“:

Sokrates: Dann wollen wir ihn nicht anders nennen, sondern, den Überlegungen folgend, besser sagen, dass im Universum, wie wir mehrfach festgestellt haben, sowohl das Unendliche als auch ein hinreichendes Maß vorhanden sind, und daneben eine nicht unbedeutende Ursache, die die Ordnung der Jahre, Jahreszeiten und Monate herstellt und einrichtet. Diese Ursache wäre am besten als Weisheit und Verstand zu bezeichnen.

Protarch: Ganz richtig.

Sokrates: Aber weder Weisheit noch Verstand könnten natürlich ohne Seele entstehen.

Protarch: Selbstverständlich nicht.

Sokrates: Folglich wirst du sagen, dass in der Natur des Zeus durch die Kraft dieser Ursache eine königliche Seele und ein königlicher Verstand enthalten sind, während die anderen Götter jeweils andere Vollkommenheiten besitzen, die ihnen angenehm sind.

Protarch: Ganz korrekt.

Sokrates: Und glaube, Protarch, nicht, dass wir diese Feststellung leichtfertig gemacht haben: Sie stammt von jenen Weisen, die einst erklärten, dass der Verstand – ihr Verbündeter – ewig über das Universum herrscht.

Protarch: Unbestreitbar.

Sokrates: Das beantwortet auch meine Frage: Der Verstand gehört zu jener Gattung, die Ursache aller Dinge genannt wurde. Nun kennst du unsere Antwort.

Hier bedeuten die Worte „in der Natur des Zeus ist eine königliche Seele und ein königlicher Verstand enthalten“ nichts anderes, als dass Zeus von Natur aus eine Seele besitzt, und zwar eine vernünftige Seele. Ebenso kann man sagen: „In der menschlichen Natur ist eine vernünftige Seele enthalten“, im Sinne dessen, dass der Mensch gemäß seiner Natur eine vernünftige Seele besitzt. Und aus dem Kontext wird klar, dass dieser Zeus nichts anderes ist als der vom Weltseelen beseelte Kosmos.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 01/10/2025