Zur Bedeutung von Aristoteles’ Aussage „Form ist Energie und Entelechie“ und zu seinem Werk „Über die Seele“
Ausgewählte Vorlesungen zur antiken, mittelalterlichen und modernen Philosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Zur Bedeutung von Aristoteles’ Aussage „Form ist Energie und Entelechie“ und zu seinem Werk „Über die Seele“

In vielen Schriften, insbesondere in seinem frühen Werk „Über die Seele“, findet sich bei Aristoteles die Definition der Form als Energie oder Entelechie: „Form ist Energie“; „Form ist Entelechie“. Wie sind diese Worte zu verstehen, wenn die Form in Wirklichkeit, wörtlich genommen, weder Entelechie noch Energie ist? (Es sei daran erinnert, dass bei Aristoteles die Begriffe „Entelechie“ und „Energie“ ununterscheidbar verschmelzen: Jede Energie ist Entelechie, und jede Entelechie ist Energie. Daher kann es z. B. eine Frage des Stils sein, etwas Energie oder Entelechie zu nennen.)

Warum ist die Form im Allgemeinen keine Energie (und folglich keine Entelechie)? Weil, um es in unserer Sprache auszudrücken, die Form grundsätzlich die Basis hat – mit ihrer zugrunde liegenden Substanz (die von der Basis, gedanklich getrennt, hier „Überform“ genannt werden kann) –, während die Energie (Entelechie), also das Handeln, die im Grunde Seiende in oder bei der Basis ist, also in oder bei der „Überform“. Aristoteles ordnet die Form der besonderen Kategorie „Substanz“ zu, die Handlungen – einschließlich Energie und Entelechie – den Kategorien „aktives Handeln“ oder „passives Handeln“. Wäre die Form Energie oder Entelechie, wäre keine eigene Kategorie nötig gewesen. (Wir betrachten Aristoteles’ Kategorien hier vereinfacht als Kategorien höherer Gattungen des Seienden, obwohl dies eigentlich spezieller Absprachen bedarf, um sie so zu verstehen; eine detaillierte Betrachtung würde vom Thema ablenken.)

Daher ist wörtlich das Verständnis von „Form ist Energie“ und „Form ist Entelechie“ strenggenommen nicht korrekt. Es kann jedoch metaphorisch verstanden werden, im Sinne von: „Form ist das, was Energie (Entelechie) trägt, sofern diese Energie (Entelechie) in oder bei der Form als deren zugrunde liegende Substanz vorhanden ist“. Dies ist vergleichbar mit dem Ausdruck: „Dünger ist zusätzliche Nahrung“ – niemand würde Dünger essen, als sei er echte Nahrung, doch man versteht, dass Dünger die Produktion von zusätzlicher Nahrung ermöglicht.

Es gibt jedoch eine Ausnahme: Aristoteles’ Gott, der unbewegte Beweger, ist als reine Form tatsächlich Energie und damit Entelechie, da dieser Gott eine Einheit von Handlungen darstellt, bestehend aus nur einer aktiven Handlung – dem Denken; und dieses Denken ist die Energie. Der unbewegte Beweger ist somit eine besondere Form mit einer besonderen Basis, nämlich der Handlung oder besser gesagt der Energie des Denkens. Daher ist dieser aristotelische Gott „Form, die Energie (Entelechie) ist“. Diese Position wird in der „Physik“ und „Metaphysik“ bekräftigt und reflektiert Aristoteles’ spätere Sicht auf Form und Energie (Entelechie).

In seinem frühen Werk „Über die Seele“ jedoch betrachtet Aristoteles die Formen als solche, die tatsächlich Energie (Entelechie) sind. Ursprünglich verstand er Formen als „Bündel von Handlungen“ – analog zu der Form des unbewegten Bewegers. Insbesondere war die menschliche Seele nach Aristoteles ein solches „Bündel von Handlungen“, genauer gesagt ein „Bündel von Energien“ oder „Bündel von Entelechien“, in dem es, wie beim unbewegten Beweger, nur eine Energie (Entelechie) gibt – die „erste“, also offenbar die wichtigste. Daher war Aristoteles in seinen frühen Arbeiten berechtigt, wörtlich zu sagen „Form ist Energie (Entelechie)“.

Die Seele ist die Substanz, das Wesen des Seienden, also die Form des Körpers; der Körper dient der Seele als Materie, damit sie als Form ihre Tätigkeit entfalten kann, verbunden mit dem Körper und so den Menschen in authentischer Weise bildend. Aristoteles beschreibt in „Über die Seele“ beispielsweise:

„Die Seele ist die Substanz als Form eines natürlichen Körpers, ähnlich wie, wäre ein Werkzeug wie eine Axt ein natürliches Objekt, dessen Substanz das Sein der Axt in ihrem Prozess des Spaltens wäre. Trennte man die Seele ab, wäre der Körper nur noch nach Namen ein Mensch, würde aber seine typischen Tätigkeiten nicht vollbringen.“

Die Analogie gilt für die Körperteile: Wäre das Auge ein Lebewesen, wäre seine Seele das Sehen, denn das Sehen ist die Substanz des Auges als Form (das Auge selbst ist Materie des Sehens). Ohne Sehen wäre das Auge kein echtes Auge, nur noch ein Name – ebenso wie ein Stein- oder gemaltes Auge. Die Seele als Form des menschlichen Körpers ist nur eine primäre Entelechie, die erste und wichtigste, analog zum Denken des unbewegten Bewegers.

Aristoteles unterscheidet zwischen potenziell und aktuell belebtem Körper. Samen und Embryo besitzen die Seele potenziell, und die Quelle der embryonalen Entwicklung ist der Impuls der Eltern. Körperteile haben eigene Entelechien – z. B. das Auge die Sehkraft – die entsprechende Teile der Seele ausführen. Die Form, die Seele des Menschen, ist jedoch nur diese eine primäre Entelechie, die das Sein als Mensch konstituiert.

Zusammengefasst: Die Seele ist notwendigerweise die Substanz in Form eines natürlichen Körpers, der potenziell Leben hat. Die Substanz (als Form) ist Entelechie; folglich ist die Seele die Entelechie eines solchen Körpers.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 01/10/2025